Wie Einsamkeit entsteht — und warum sie bleibt

Jan Tauer, Initiator von freundwärts, sitzt auf einer Parkbank vor einer Backsteinmauer
Jan TauerInitiator von freundwärts

Hi, hier schreibt Jan von freundwärts. Ich möchte dich mit hineinnehmen in meine Lebenswirklichkeit der letzten Jahre — und was ich dazu in der Forschung gefunden habe und was noch nicht. Der Übersicht halber in fünf Stationen.

Station 1 — Einsamkeit kam ohne Vorwarnung

Einsamkeit war für mich eigentlich nie ein Problem, bis es zu einem wurde. Denn ich wollte eigentlich nur meine Trauer verarbeiten, mit allen Konsequenzen der veränderten Lebenswirklichkeit wie Überforderung, Scham, Kraftlosigkeit und irgendwann auch sozialen Ängsten. Dass ich mich dabei isolierte, merkte ich erst rückblickend.

Schmerzhafte Einsamkeit kam bei mir nach der Bearbeitung der Trauer, als ich den Blick nicht mehr so sehr nach innen richten musste. Und in meinem Gefängnis der Angst war ich unfähig, daraus zu kommen. Es war keine Eigenschaft, sondern ein Gefühl, eine Wahrnehmung. Und irgendwann ein körperlicher Schmerz.

Jeder Mensch kann sich einsam fühlen, so wie hungrig oder müde.

Dahinter steckt für mich ein Muster. In der Schule, im Studium, im alten Job oder in einer Partnerschaft hast du dieselben Menschen immer wieder getroffen, ohne dass du etwas dafür tun musstest. Der Rahmen hat die Wiederholung erledigt.

Fällt er weg, muss auf einmal jede Begegnung verabredet werden — und Verabreden ist eine Fähigkeit, die viele nie üben mussten. Ist der gewohnte Rahmen verschwunden, funktionieren die bisherigen Wege nicht mehr.

In meinem Fall wollte ich anderen nicht zur Last fallen. Also hoffte ich und wartete, bis sich andere bei mir meldeten. Und weil ich viel zu verarbeiten hatte, hatte ich einen hohen Bedarf an sozialem Austausch. Ein Dilemma.

Station 2 — Ich hatte kein Wort dafür

Lange Zeit spürte ich nur den inneren Schmerz. Jedes Mal, wenn ich mit einem guten Freund Zeit verbrachte und mich zeigen konnte, war der Schmerz weg — für einen Tag. Und ich habe tolle Freunde.

Ich merkte, dass mir das Sich-öffnen-und-zeigen-Dürfen gut tat. Aber es waren immer nur einmalige Treffen.

Als ich nach über sechs Monaten des immer größer werdenden Schmerzes irgendwann die richtigen Webseiten fand und las, was mein innerer Schmerz sein könnte, kam ich auf das Wort: Einsamkeit. Ich begann, unter anderem das Einsamkeitsbarometer mit allen Forschungserkenntnissen zu lesen und suchte nach Lösungswege. Die Unterscheidung in emotionale und soziale Einsamkeit kam mir dabei erst sehr theoretisch vor, sollte sich aber doch als real erweisen.

Und warum dauerte es so lange, bis ich dem einen Namen geben konnte? Weil ich Einsamsein vorher nicht kannte. Es schlich sich ein und fühlte sich eher an wie Müdigkeit, Angst, Ungesehen-Sein, Unwichtig-Sein, perspektivlos, kraftlos, zur Last fallend, kein-Bock-auf-nichts — wie eine Folge der Trauer.

Und das Wort „einsam" hatte ich dem Alleinsein zugeordnet. Es klang beschämend, nach gescheitert. Ich nahm es nicht in den Mund, nicht einmal vor mir selbst.

Station 3 — Wie ein Leben mit Einsamkeit aussieht

Die Forschung misst Einsamkeit sehr genau. Beschreibt sie aber kaum. Denn was seltener zu finden ist, ist der Alltag:

Wen du anrufst, wenn du krank bist und nichts im Haus hast. Wem du den Zweitschlüssel gibst. Was du bei „Wie geht's dir?" antwortest, während du weitergehst. Wie ein Sonntag zwischen elf und achtzehn Uhr aussieht. Dass ein abgesagter Termin niemandem auffällt außer dir. Wie es ist, drei Tage niemanden zu berühren und zu merken, dass du es zählst. Zu Leiden, weil Dich "gefühlt" keiner sieht.

Das sind keine Symptome. Das ist der Werktag.

Dienstagmorgen. Ich stehe vor der Haustür und will zur Arbeit. Im Gemeinschaftsflur höre ich die Nachbarn rausgehen. Die sind nett. Habe aber Angst, jetzt die Tür aufzumachen. Warte und gehe, wenn alles ruhig ist.

Ich arbeite gern. Auf der Arbeit sind alle im Homeoffice, und so sitze ich alleine am Schreibtisch. Abends habe ich keine Termine, und so schreibe ich einem Freund und frage vorsichtig, ob wir heute Abend telefonieren können. Natürlich nur mit der Absicht, sich zu treffen. Keine Antwort. Einfach anrufen oder vorbeigehen traue ich mich nicht. Will nicht stören.

Abends den Müll rausbringen schaffe ich noch gerade so, falle dann erschöpft aufs Sofa. Ob ich einsam bin? Nein, erschöpft. Und auf Arbeit ist viel los.

— Jan

Station 4 — Warum sie sich selbst verstärkt

Das hier ist der Teil, der am meisten erklärt, und am seltensten in der Öffentlichkeit landet.

Einsamkeit verändert nicht nur die Stimmung. Sie verändert die Wahrnehmung.

Je länger ich einsam war, desto stärker achtete ich unbewusst auf Anzeichen von Ablehnung. Das ist keine Schwäche und kein Denkfehler im Sinne von Dummheit — es war ein Schutzmechanismus. Bevor die nächste Ablehnung kommt, möchte ich Bescheid wissen und muss einfach wachsamer sein. Denn Ablehnung tut weh. Und so lebte ich in einem Gefängnis der Angst vor u. a. Ablehnung. Das Problem ist nur, was daraus folgt: Irgendwann siehst du Ablehnung überall.

Die Erwartung verändert dein Verhalten, bevor du es bemerkst. Du schreibst zurückhaltender. Du sagst öfter ab und weniger zu. Du gehst früher. Du deutest ein ausbleibendes „Ja" als Desinteresse statt als vollen Terminkalender. Und die anderen reagieren auf dieses Verhalten — mit genau der Zurückhaltung, die du befürchtet hast.

Bei mir ist die Schleife durch nur eine Veränderung durchbrochen worden.

Als ich durch meine Freunde einen Weg in eine Kirchen-Kleingruppe fand (Treffen alle 14 Tage), in der ich mich genauso zu zeigen traute, wo ich einfach da sein durfte, war der Schmerz ab dem ersten Treffen verschwunden. Nur der Schmerz. Momente der Ablehnung, Überforderung und vieles mehr blieben und brauchten weiterhin meine Schritte.

Was den Unterschied gemacht hat, war die Wertschätzung untereinander und die Zuversicht auf Wiederholung: dieselben an mir interessierten Menschen, alle 14 Tage, ohne dass ich jedes Mal neu etwas organisieren musste. Genau deshalb fokussieren wir bei freundwärts wiederkehrende Formate.

Den Weg zur Gruppe konnte ich nur mit Freunden gehen, da ich mich das nicht allein getraut hätte. Sprich deine Freunde darauf an. Und wenn das nicht möglich ist, sprich mit deinem Hausarzt, rufe die Telefonseelsorge an (kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 116 123) oder schreib uns.

Dein nächster Schritt

Der Erwartungs-Check auf dieser Seite trennt genau ein Glied dieser Schleife durch: die Annahme, dass sich niemand über dich freuen würde. Er dauert zwei Minuten.

Station 5 — Was wir nicht wissen

Ich nenne hier Studien. Studien haben Grenzen, und bei Einsamkeit sind sie größer, als es in den meisten Artikeln klingt. Vier Dinge, die wir nicht wissen:

Wie viele es wirklich sind. Die Zahlen, die du überall liest — 17 Millionen, jeder Vierte — stammen aus verschiedenen Untersuchungen mit verschiedenen Fragebögen und verschiedenen Schwellenwerten. Sie sind nicht falsch. Sie messen nur nicht immer dasselbe und lassen sich nicht nebeneinanderstellen. Weil die Anzahl nicht die Intensität widerspeigelt, steht auf dieser Seite keine einzelne große Zahl. Es geht uns darum herauszufinden was hilft.

Wie es anfängt. Fast alle Studien befragen Menschen, die bereits einsam sind. Der Weg dorthin — die Monate, in denen etwas fehlt, aber noch keinen Namen hat — ist kaum untersucht. Wie denn auch, wenn selbst ich mehrere Monate brauchte, um das Wort dafür zu finden. Meine Ursachen zu erkennen und wahrzunehmen hat mir sehr geholfen Schritte in die richtige Richtung zu planen.

Was zuverlässig hilft. Die größte Übersichtsarbeit zu Gegenmaßnahmen bewertet die Sicherheit ihrer eigenen Befunde als niedrig bis sehr niedrig und kritisiert, dass viele der eingeschlossenen Studien nicht einmal einsame Menschen erreicht haben. Was also hilft wirklich? Das wollen wir herausfinden.

Wie Einsamkeit bei bestimmten Menschen aussieht. Auch ich weiß nur am besten über mich Bescheid und die wenigsten reden darüber. Mehr darüber zu reden ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Und das sage ich nicht, weil wir mehr Studien darüber brauchen, sondern weil es jedem persönlich hilft, der es schafft darüber zu reden.

Ich schreibe hier auf, was ich wahrgenommen habe. Ich lerne ständig dazu. Wenn dir etwas fehlt oder falsch vorkommt, schreib mir gern.

Quellen